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AnStoß, 2025/2026

Fuhrmann, Roland

Kunstwerk im Gedenken an den antifaschistischen Widerstand und an die Ermordung der Geschwister Scholl für den Geschwister-Scholl-Park

Ansicht Südseite: Fotoporträt von Sophie Scholl, plastisch eingearbeitet als horizontales Linienraster.

Inspiration: Jener kleine AnStoß , mit dem Sophie Scholl am 18. Februar 1943 den Stapel Flugblätter ins Atrium der Ludwig-Maximilians-Universität München wirbelte, gilt inzwischen als „Ikone der deutschen Freiheitsgeschichte“. „Das Symbolbild der flatternden Blätter“ ging „in den Bildkanon unseres kulturellen Gedächtnisses ein“.

Dieser Anstoß wurde zum Inbegriff des Denkanstoßes, mit dem die Widerstandskämpfer der Weißen Rose das Volk wachrütteln wollten. Zugleich war der kleine Schubs auch der Todesstoß für die Geschwister Scholl und viele ihrer Mitstreiter, denn ohne diesen Blätterwirbel wären sie wohl nicht entdeckt und verhaftet worden. Er wurde zum schicksalhaften Kippmoment deutscher Geschichte.

Konzept: Das Mahnmal für die Geschwister Scholl widmet sich diesem AnStoß. Wie zufällig abgesetzt steht ein Stapel Flugblätter im Park. Der Papierstoß hat bereits jenen historischen Schubs von Sophie Scholl bekommen. Die obersten Blätter lösen sich vom Stapel und wirbeln nach vorn.

Mit Flugblättern und Worten kämpfte die intellektuelle Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen den Hitlerfaschismus. Das soll auch durch dieses Mahnmal zum Ausdruck kommen. Die Skulptur zitiert die Masse an Flugblättern, die von der Weißen Rose zu Tausenden in Deutschland verteilt und später von den Alliierten nachgedruckt und millionenfach über Deutschland abgeworfen wurden.

Vom Gegenwind werden die obersten Flugblätter dynamisch aufgebogen. Er versinnbildlicht den Widerstand, dem sie die Blätter entgegenstellen. Die Flugblätter stehen kurz davor herab zu wirbeln, wie an jenem denkwürdigen 18. Februar 1943 von der Brüstung im Atrium der Ludwig-Maximilians-Universität – angestoßen von Sophie Scholl. Gleichzeitig versinnbildlicht der Stapel auch die instabile Fragilität der jungen Geschwister. Ihr Leben ist mit den Flugblättern schicksalhaft verbunden: wenn diese fallen, dann fallen auch sie.

Neben ihrer markanten Fernwirkung hat die Plastik weitere Wahrnehmungsebenen. An den beiden Breitseiten werden die berühmten Foto-Porträts der beiden Scholl-Geschwister als Linienraster plastisch herausgearbeitet und verschmelzen sinnfällig mit den horizontalen Linien des Blätterstapels. Je nach Tageslicht sind sie mal deutlicher, mal verhaltener erkennbar. Historisch hat Magdeburg keinen Bezug zu den Geschwistern Scholl. Jedoch, mit ihrer bildlichen Präsenz werden sie nun auch an diesen Ort geholt.

Auf der Parkseite stehen die Namen des inneren Kreises der Widerstandsgruppe Weiße Rose: Sophie & Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber. Sie werden in gleicher Weise wie die Linienraster plastisch in die Papierlinien eingearbeitet. Hier könnte auch ein Widmungstext zum Mahnmal stehen.

Auf dem obersten der sich aufwölbenden Blätter ist das Wort ‚Freiheit.‘ lesbar – als exakte Kopie der Handschrift Sophie Scholls. Sie schrieb es kurz vor ihrer Hinrichtung am 22. Februar 1943 mehrfach mit blauem Stift auf die Rückseite des Anschreibens zu ihrer Anklageschrift (Siehe Foto). ‚Freiheit‘ war ihre Vision, die überleben sollte – es war „ihr stummes Vermächtnis“ . ‚Freiheit‘ war auch das zentrale Motiv der Weißen Rose in ihren Flugblatttexten und wurde nachts mit Schablonen an Häuserwände gemalt.

„Es lebe die Freiheit“ sollen die letzten Worte von Hans Scholl vor seiner Hinrichtung gewesen sein.

Warum diese Gedenk-Plastik? Sie bezieht sich auf die Widerstandsgruppe Weiße Rose und ihre beiden prominentesten Personen, denn der Geschwister-Scholl-Park trägt ihren Namen.

Dennoch versteht sich die Plastik in ihrer Form und Grundaussage als übergreifendes Zeichen des Widerstands gegen Unmenschlichkeit und für die Freiheit. Sie ist ein Aufruf zu Zivilcourage als Bürgerpflicht, wenn Menschenrechte, Frieden und Freiheit in Gefahr sind.

Dieses Mahnmal soll eine eigenständige Ergänzung sein zu den bundesweit bestehenden Denkmälern für die Weiße Rose sowie zu Magdeburgs Gedenkorten des antifaschistischen Widerstands (z. B. Gedenkstele für den am Stauffenberg-Attentat beteiligten Henning von Tresckow im Nordpark; Mahnmal für 54 Magdeburger Widerstandskämpfer im Steubenpark; weitere Gedenkorte und Straßennamen der Danz-Schwantes-Widerstandsgruppe im Magdeburger Stadtgebiet).


Ortsbezug: Die Plastik AnStoß steht im Licht, damit die Schatten der Linienraster die Porträts ergeben. Ihre helle Farbe ist dem Papier der Flugblätter entlehnt und steht für das Weiß im Tarnnamen der Weißen Rose. Seine klare Helligkeit versinnbildlicht die zumeist jugendlichen Opfer. Die weiße Farbe korrespondiert bewusst auch mit dem bestehenden Luisen-Denkmal aus weißem Marmor an der gegenüberliegenden Außenseite des Geschwister-Scholl-Parks.

Auf der freien Wiesenfläche orientiert sich die Plastik nach Osten und wirkt in den Stadtraum hinein sowie in Richtung der benachbarten Otto-von-Guericke-Universität, denn die Widerstandsgruppe Weiße Rose war eine Studentenbewegung.

Zur Plastik führen sternförmig schmale Wege, die als Trampelpfade angelegt sind. Der scheinbar zufällige Ablageplatz des Flugblattstapels, seine leicht verdrehte Ausrichtung und Einbindung in ein Netz aus scheinbar ‚wild‘ angelegten Pfaden betont die Illegalität der Untergrundbewegung Weiße Rose.


Beleuchtung: Die Plastik wird von der gegenüberliegenden Straßenbeleuchtung nachts mit erhellt.

Medien: Auf elektronische Medien wurde zugunsten der Langlebigkeit bewusst verzichtet. Aber es könnten QR-Codes angebracht werden, über die etwa die Texte der Flugblätter der Weißen Rose mit dem Handy hörbar sind.

Quelle: Studio Roland Fuhrmann, Wettbewerbsbeitrag

Über den Künstler

Biografie Auswahl

  • 1991–95 Study of Fine Arts at the Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle/Saale
  • 1995–97 Study of Fine Arts at the École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris with Christian Boltanski
  • 1997 Diploma in Fine Arts
  • 2012-2018 Doctoral thesis (PhD) at the Technical University Dresden
  • 2019-2021 Sachverständigenkreis Kunst am Bau des BMI, Abteilung Bauwesen | Circle of experts in public art of the German federal government
  • 2019-2024 Beratungsausschuss Kunst (BAK) der Senatsverwaltung Kultur und Europa, Berlin | Advisory committee in art at Senate Department for Culture and Europe, Berlin
  • since 2001 Member of the Professional Association of Berlin Artists, BBK
  • since 2019 Member of Deutscher Künstlerbund
    Lives in Berlin and Dresden, works freelance as a visual artist

Quelle: https://rolandfuhrmann.de/info/cv/