Großplastik »die Magdeburger Halbkugeln« von Thomas Virnich
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Großplastik „die Magdeburger Halbkugeln“ von Thomas Virnich

Magdeburger Halbkugeln, 2001/2002

Virnich, Thomas

Magdeburger Halbkugeln © Saskia Hubert
©
© Saskia Hubert

Die Magdeburger Halbkugeln bzw. der Versuch Guerickes haben die physikalischen Abteilungen der Museen und die Schulbücher längst verlassen. Darstellungen findet man nicht nur auf der Fassade des Deutschen Patent- und Markenamtes, sondern auch auf Briefmarken und T-Shirts, die Kugeln sind in Pralinenkästen gelandet und der Versuch - in Abwandlung - auf den Labels von Levi-Jeans, die bei Benutzung in aller Regel jedoch nicht unter einem Mangel an Druck leiden. In Magdeburg selbst hat sich vor nicht allzu langer Zeit eine städtische Markenkampagne neben dem Dom und der Elbe auch einer Darstellung des Großversuchs bedient und mit dem Slogan "Magdeburg Die Stadt mit Zugkraft" unfreiwillig einen ironischen Selbstkommentar geliefert.

Es scheint, als agiere die Großplastik von Thomas Virnich, der als Professor Nachfolger auf Carl Echtermeiers Posten in Braunschweig ist, in vergleichbar unsicheren Gefilden, wenn auch mit Bewusstheit. Sie kam 2002 anlässlich des 400. Geburtstages Guerickes als Geschenk von Magdeburger Betrieben und Privatpersonen an die Stadt und steht demonstrativ quer am Breiten Weg auf dem Ratswaageplatz. Schon in der Wettbewerbsphase, in der auch die Magdeburger um ihre Meinung gefragt waren, gab es rege Diskussionen. Auch nach der Entscheidung der Jury hörten die Fragen nicht auf. Jetzt betrafen sie die Deutbarkeit der Arbeit Virnichs. Dass es "die Bedeutung von Erfindergeist und Unternehmertum für den Fortschritt einer Region und für das Wohlergehen ihrer Menschen aufzeigen" will, wie der Initiator des Projekts meinte, erinnert, salopp gesagt, etwas an gewisse Direktiven.

Thomas Virnich selbst äußerte sich zurückhaltender. Vor allem der in diesem Zusammenhang vom ihm gemachte Hinweis auf die Ambivalenz, die dem menschlichen Forscherdrang grundsätzlich eigen sei, baut eine Brücke zu seinem eigenen Selbstverständnis als Künstler, zum "Schöpferisch-Zerstörerischen", das er in seinem Werk erkennt. Sein Umgang mit Ikonen der Architekturgeschichte, etwa dem Petersdom oder Gaudís Sagrada Familia, stellen hier eine erhellende Parallele dar, denn auch die Darstellung des Halbkugelversuchs ist eine, freilich wissenschaftsgeschichtliche, Ikone.

Die Kirche des Papstes, in Pappe modelliert, sieht aus, als hätte sie einen Verkehrsunfall erlitten oder als wäre sie von einem mutwilligen Kind mit Tritten malträtiert worden. Die Sagrada Familia zerreißt im Sturz zwischen Himmel und Erde zu einem Splittergebilde. Fragmente beider verwendet Virnich später auch in einer Großplastik, die den Titel "Turmbau zu Babel" trägt.

Erklärtermaßen ging es Virnich nicht um die Schmälerung der architektonischen Leistungen, die er liebt und bewundert, vielmehr um Selbstbehauptung vor dem Überwältigendem, um das eigene Denken, das eigene Bild, sei es gleich unwirsch, naiv, ungenau oder durch Destruktion gewonnen. So - indem er ihn nicht erinnernd reproduziert, sondern als metaphorischen Fond nutzt - geht er auch mit dem Magdeburger Halbkugelversuch um.

Gegen einen Grund gestemmt, der sicher nicht zufällig an die (Erd)-Kugel erinnert, die zugleich - miniaturisiert als Halbkugel-Paar zwischen angespannten Seilen - über ihm hängt, versuchen zwei Männer (Anzugträger) mit den Pferden, auf denen sie sitzen, die (Magdeburger) Kugel zwischen ihnen auseinanderzureißen. In Anbetracht der Kraftanstrengung, die sich ablesen lässt, scheint das wenig Erfolg versprechend. Es sind - wir entdecken es womöglich erst beim Umschreiten der Plastik " zwei Hälften eines Pferdes/Reiters, die da auseinanderzusprengen versuchen, was offenbar zusammengehört, einschließlich sich selbst. Wie der Segmentboden unter ihnen müssen sie mit groben Stahlverstrebungen gestützt werden, damit sie nicht ihre Form verlieren und zusammenfallen wie ein aufgeschnittener Gummiball.

Über den Künstler

Thomas Virnich (* 1957 in Eschweiler) ist ein deutscher Bildhauer und Maler.

LEBEN UND WERK

Thomas Virnich lebt und arbeitet in Mönchengladbach-Neuwerk. Von 1978 bis 1981 studierte er an der Technischen Hochschule Aachen bei Joachim Bandau, wechselte dann zur Düsseldorfer Kunstakademie, an der er bis 1985 bei Alfonso Hüppi und Eugen Gominger studierte. 1983 hatte Virnich eine erste Einzelausstellung und erhielt auf der Art Cologne eine Förderkoje. Den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen Bildende Kunst bekam er 1985 und den Niedersächsischen Kunstpreis 2001. Thomas Virnich stellt große farbige Skulpturen her, die vielfach wuchern und in denen Alltagsgegenstände bzw. Abfallgegenstände integriert sind. Seit 1992 lehrt er an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

AUSSTELLUNGEN (AUSWAHL)

: 1984 Neue Galerie - Sammlung Ludwig, Aachen

: 1985 Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach

: 1986 Kunstraum München

: 1987 documenta 8, Kassel

: 1988 Hamburger Bahnhof, Berlin

: 1994 Produzentengalerie, Hamburg

: 1996 Kunstverein Braunschweig

: 1997 Gerhard-Marcks-Haus, Bremen

: 2002 Deutsche Gesellschaft für Christliche Kunst, München

: 2003 Malkasten, Düsseldorf

: 2005 Kunstverein Bonn; Wilhelm-Lehmbruck Museum, Duisburg

: 2007 Aargauer Kunsthaus, Aarau (Schweiz)

: 2007 Museum Wiesbaden

(Quelle: de.Wikipedia.org)