Großer schreitender Mann, 1969
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Großer schreitender Mann, 1969

Förster, Wieland

Großer schreitender Mann © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

Eine Konfrontation hatte im Juni 1970 dazu geführt, dass Försters Großer Schreitender Mann, ein Auftrag für den Friedhof in Schwerin-Haselholz, nur für kurze Zeit an dem Ort gestanden hatte, für den er bestimmt gewesen war. Dann wurde er wieder entfernt. Was man dem Künstler verbal zugestanden hatte, die Darstellung eines "vom Leben gezeichneten, mit Erfahrungen belasteten Mannes", war man am Ende doch nicht bereit zu ertragen. Franz Fühmann, den Förster Ende der 1960er Jahre kennen lernte und porträtierte, schien die Figur, die er noch als Gips im Atelier sah, "einem Engel ähnlich, einem Boten" (Elmar Jansen, 1990). Im Grunde aber bedarf der Schreitende einer solchen mythologischen Aufladung nicht, denn er selbst ist die Botschaft. Auf einen festen Punkt am Horizont hin geht er mit seinem so sichtbar irdischen Körper einen ganz offenbar unabänderlichen Weg. Mit jedem seiner tastenden, den Körper stabilisierend nach außen gesetzten, Schritte, so scheint es, kommt er der Erde, aus der er gemacht ist, ein Stück näher. Alles an diesem Schreitenden zeigt dorthin. Der Trost ist, dass es keinen gibt, vielleicht, dass keiner notwendig ist.

Wieland Förster begann die Arbeit am Großen Schreitenden Mann im November 1968. Die freiheitlich gesinnten osteuropäischen Intellektuellen blickten in diesem Jahr vor allem nach Prag, wo durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts die dortige Demokratiebewegung gewaltsam erstickt wurde. Kulturpolitische Auswirkungen waren bis in die ostdeutsche Provinz zu spüren. Eine Ausstellung Försters, die für den Oktober in Greifswald geplant war, wurde zunächst kurzfristig untersagt, fand dann aber - mit Ausnahme der als "pessimistisch" eingestuften Werke - doch statt. Schon vorab hatte man das Vorwort gestrichen, das der Lyriker Erich Arendt für einen geplanten Katalog geschrieben hatte. "Jetzt also bin ich dran mit den traurigberühmten Züchtigungen", notierte Förster am 2. Oktober resigniert in sein Tagebuch.

Über den Künstler

Wieland Förster (* 12. Februar 1930 in Dresden) ist ein deutscher bildender Künstler und Schriftsteller.

LEBEN

Wieland Förster ist der Sohn eines Kraftfahrers und einer Angestellten. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Von 1944 an absolvierte er eine Lehre als technischer Zeichner und Rohrleger. 1946 wurde er wegen angeblichen Waffenbesitzes von der sowjetischen Besatzungsjustiz zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in einem Lager in Bautzen abzuleisten hatte. 1950 kam er durch eine Amnestie frei und arbeitete anschließend als technischer Zeichner. In diese Zeit fällt seine erste intensive Beschäftigung mit den Werken der Weltliteratur. Von 1953 bis 1958 studierte er Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Walter Arnold und Hans Steger, von 1959 bis 1961 war er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin bei Fritz Cremer.

Ab 1960 entstanden lithografische Arbeiten, ab 1962 Radierungen und erste Plastiken für den öffentlichen Raum. Bereits ab 1961 lebte er als freischaffender Künstler in Berlin. In den folgenden Jahren unternahm Förster zahlreiche Reisen ins Ausland, von denen besonders ein Aufenthalt in Tunis im Jahre 1967 von großem Einfluss auf Försters Schaffen als bildender Künstler war. In den Jahren 1968 bis 1972 verhängten staatliche Stellen der DDR aus ideologischen Gründen Ausstellungsverbote gegen Förster und behinderten die Arbeit des Künstlers.

1974 wurde er dank der Unterstützung Konrad Wolfs Mitglied der Ost-Berliner Deutschen Akademie der Künste und konnte (organisiert von Rudolf Tschäpe) seine erste große Werkausstellung in Potsdam im alten Observatoriumsbau auf dem Telegraphenberg veranstalten. Von 1979 bis 1990 war Förster als Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste zuständig für die Ausbildung von Meisterschülern. Seit 1985 war er ordentlicher Professor.

Nach der Wende trat er 1991 aus der Deutschen Akademie der Künste aus; 1996 war er Mitbegründer der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden. Er lebt heute in Berlin und Wensickendorf. 2010 wurde an der Karl-Franzens-Universität Graz, eine umfassende Monographie zu Wieland Försters Werk fertig gestellt.

Wieland Förster ist als bildender Künstler auf den Gebieten Bildhauerei, Zeichnung, Grafik und Malerei aktiv. Daneben hat er seit den Siebzigerjahren eine Reihe von literarischen Werken veröffentlicht, die teilweise das eigene künstlerische Schaffen reflektieren.

Wieland Förster gehört seit 1991 dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an. Er erhielt u. a. 1973 den Kunstpreis der DDR, 1974 den Käthe-Kollwitz-Preis, 1976 und 1983 einen Nationalpreis 2. Klasse der DDR, 1977 den Kleist-Kunstpreis der Stadt Frankfurt an der Oder, 1978 den Kunstpreis des FDGB sowie 2000 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

WERKE

Schriften

: Begegnungen, Berlin 1974

: Rügenlandschaft, Berlin 1974

: Plastik und Zeichnung, Dresden 1977

: Die versiegelte Tür, Berlin 1982

: Einblicke, Berlin 1985

: Sieben Tage in Kuks, Berlin 1985

: Labyrinth, Berlin 1988

: Grenzgänge, Berlin 1995

: Die Phantasie ist die Wirklichkeit, Rostock 2000

: Als Fremder, Berlin-Adlershof 2003

: Im Atelier abgefragt, München 2005

: Der Andere. Briefe an Alena, Berlin (Lukas Verlag) 2009, ISBN 978-3-86732-066-5

SKULPTUREN (AUSWAHL)

Im Jahr 1985 schuf Förster die überlebensgroße Bronzeplastik Trauender Mann. Sie erinnert an die Opfer der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945. Ursprünglich stand die Plastik auf dem Georg-Treu-Platz in Dresden, heute am Dresdner Zwinger. In Dresden steht an der Ostseite der St. Petersburger Straße vor den Studentenwohnheimen die Gruppenplastik Studentische Jugend aus dem Jahr 1963.

: Große Stehende auf einem Bein (1968/70) im Volkspark Friedrichshain, Berlin

: Große Neeberger Figur (1971-74, 1997) im Skulpturenpark Magdeburg

: Kleiner trauernder Mann (1973/75), erworben 1990 vom Museum Junge Kunst, Frankfurt/Oder

: Namenlos - ohne Gesicht (Anna Achmatowa), den "zu Unrecht Verfolgten nach 1945" gewidmet (1995), Gedenkstätte Münchner Platz Dresden

: Nike 89 (1999), vergoldete Bronze, zum 10. Jahrestag des Falls der Mauer an der Glienicker Brücke

: Heinrich Böll (1988), Denkmal in der Greifswalder Straße, Prenzlauer Berg, Berlin

: Uwe Johnson, Denkmal vor dem John-Brinckman-Gymnasium, Güstrow

: Porträtbüste des Arztes Dr. Benno Hallauer (2001), Bronze, im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Berlin

BUCHILLUSTRATIONEN

: Hugo Ball, Die Nase des Michelangelo. Mit 6 Originallithographien von Wieland Förster, Verlag Faber & Faber

AUSSTELLUNGSKATALOGE

: Wieland Förster, Magdeburg 1973

: Wieland Förster, Plastik, Graphik, Dessau 1974

: Wieland Förster, Plastik, Zeichnungen, Druckgraphik, Berlin 1980

: Wieland Förster, Erlebnisse, Begegnungen, Erfahrungen, Karl-Marx-Stadt 1987

: Wieland Förster, Plastik und Zeichnungen, Weimar 1988

: Wieland Förster, Naturstudien und Werkskizzen in kleinem Format, Berlin 1990

: Wieland Förster, Plastik, Zeichnungen, Radierungen, Wien [u.a.] 1990

: Liebe und Tod, Magdeburg 1995

: Wieland Förster, Plastik und Grafik, Niebüll 1996

: Wieland Förster, Plastik, Zeichnung, Pulsnitz 1998

: Wieland Förster, Portraitplastiken, Marbach 2000

: Förster, Heisig, Metzkes, Stötzer, Berlin 2009

(Quelle: de.Wikipedia.org)