Schreitende, 1976/1980
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Schreitende, 1976/1980

Pansowová, Emerita

Schreitende © Saskia Hubert
©
© Saskia Hubert

Das Werk Emerita Pansowovás steht so deutlich wie kein zweites jüngerer Provenienz in der Tradition der figürlichen Bildhauerei der Klassischen Moderne im Deutschland der 1920er und 30er Jahre und ist über diese mit der griechischen Archaik verbunden. Die besonnene Radikalität, mit der sie sich innerhalb der menschlichen Figur auf wenige Grundhaltungen beschränkt, jede spektakuläre Findung und geradezu jeden Anschein eines Experiments meidet, macht sie in ihrer Generation und darüber hinaus zu einer singulären Erscheinung. Das vor allem deswegen, weil ihre Figuren trotz dieser Bindung fern von akademischen oder künstlerischen Attitüden höchste Präsenz erreichen. Die Kunsthistorikerin Katrin Arrieta hat in diesem Kontext auf "Wucht und Zartheit, das gleichsam Vibrierende der Körperlandschaft" in der Bildnerei Pansowovás verwiesen und damit vermutlich auf den entscheidenden Aspekt im Werk der Künstlerin aufmerksam gemacht.

Pansowovás Figuren stehen, sitzen, liegen. Ihre Gestik ist aufs Äußerste reduziert. Jede Bewegung scheint vorsichtig tastend, gerade so, als würde sie zum ersten Mal probiert. Selbst bei Porträts wagt sie es zuweilen, die Form der Augen fast unsichtbar bleiben zu lassen bzw. zu machen. Doch wird bei ihr der Blick der Figur ohnehin höchst selten zu einem wesentlichen, geschweige denn bestimmenden Moment der Charakterisierung. Da gehört die Schreitende, deren Augen in eine unbestimmte Ferne gerichtet scheinen, fast zu den Ausnahmen, die man vor allem noch in den früheren Arbeiten um 1980 antrifft. Geschaut wird, so wäre vielleicht etwas zu pointiert zu formulieren, gleichsam mit dem Körper. Die Erinnerung an das berühmte Rilke-Gedicht über den Torso vom Belvedere mit den eindringlichen Schlussversen, "denn da ist keine Stelle,/die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.", ist zu verlockend, beschreibt aber im Grunde ein anderes Phänomen, nämlich die Anwesenheit der grundlegenden Intention eines bedeutsamen Werks noch im fragmentierten Zustand.

Natürlich kann man vom Sensorium einer Figur, von dem Eindruck, dass ihr Körper zu schauen, zu empfinden oder zu tasten scheint, nur in einem sehr metaphorischen Sinn sprechen. Im Zusammenhang mit einer vergleichbaren Arbeit aus diesen Jahren schrieb der Bildhauerkollege Jo Jastram über die "wache und empfindsame Anwesenheit" der Künstlerin, die überall spürbar sei. Das trifft es wohl eher. Die Figur als virtueller Körper, mit dem die Künstlerin sich ihren Begriff von der Welt vergegenwärtigt und wie sie darin und in dieser "Verkleidung" sitzen, liegen, stehen oder schreiten kann.

Über den Künstler

Die 1946 in Vrakùn (CSFR) geborene Künstlerin lebt seit 1967 in Berlin und in Brenden (Brandenburg). Sie studierte zunächst an der Fachschule für angewandte Kunst in Bratislava Holzbildhauerei. Von 1967 bis 1972 absolvierte sie an der Kunsthochschule Weißensee ihr Studium bei W. Wittich und Karl-Heinz Schamal. Danach war sie bis 1977 Meisterschülerin bei L. Engelhardt an der Akademie der Künste.

Emerita Pansowová sagt über ihre künstlerische Intention und Arbeitsweise: "Am Anfang war das Staunen und das eigene Entdecken. Am Ende war der starke Wunsch, dies sichtbar zu machen. Die wirklichen Zusammenhänge begreife ich erst, während ich arbeite. Die Konzentration auf das Wesentliche schafft die Möglichkeit, dass die Dinge in ihrer Wahrheit und Natürlichkeit wirken können. Die Arbeit an der ganzen Figur ist für mich meine Auseinandersetzung mit dem ganzen Leben und der Natur. Sie ist die Auseinandersetzung mit meiner Notwendigkeit, die Dinge in ihrer Klarheit zu begreifen, in ihrer Abhängigkeit und ihrer Souveränität".

(Quelle: uni-protokolle.de)