Lebensgröße Magdeburg, 1995
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Lebensgröße Magdeburg, 1995

Breloh, Heinz

Lebensgröße Magdeburg © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

Heinz Breloh ist insofern ein Sonderfall in der jüngeren deutschen Bildhauerei gewesen, als ihn die Idee von einer Plastik beseelte, die, so hat er es selber formuliert, "einem so nahe kommen kann wie ein Mensch, wie sagen wir mal Sex, dieses ganz Nahe." Seine Arbeit sei dann fertig, so äußerte er sich weiter, wenn es zwischen der Plastik und ihm keine Distanz mehr existiere. Obschon er nach Umwegen erst Anfang der 1980er Jahre wieder zur Bildhauerei gelangte, gibt es zum Beispiel 1972 eine Aktion, die seine spätere Intention mit aller Klarheit verdeutlichte, indem er, entsprechend präpariert, die Metamorphose eines Schmetterlings mit dem eigenen nackten Leib nachinszeniert.

Mit der Welt, den Dingen, sich selbst und seinem Werk distanzlos eins zu sein, ist eine romantische Sehnsucht. Es verwundert nicht, dass Breloh eine Sequenz aus Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" in seinem Notizbuch festhält, die einen solchen Vorgang beschreibt. Ofterdingen, nackt ihm Wasser, hat das Gefühl, dass "jede Zelle des lieblichen Elements" sich "wie ein zarter Busen" an ihn schmiege. Schließlich meint er die Flut als "eine Auflösung reisender Mädchen" wahrzunehmen, "die an den Jünglingen sich augenblicklich verkörperten."

Das scheint obskur, aber dieser Begriff der Verkörperung, den Breloh in eine für ihn nahe liegende bildhauerische Möglichkeit übersetzt, taugt vielleicht eher als der mehr dokumentarisch gefärbte der Körperspur zur Charakterisierung der Werkreihe seiner Lebensgrößen, von denen 1983 die erste entstanden ist. Das Werkzeug war der nackte Körper, das Material der feuchte und zunächst noch weiche, doch im Verlauf der Arbeit aushärtende Gips, der dann die Form für die Bronze zur Verfügung stellte. Der Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger hat diesen Vorgang nachvollziehbar und eindringlich beschrieben: "In einer festgelegten Choreographie umschreitet, umtanzt der Künstler die weiche Gipsmasse. Er wirft sich mit dem ganzen Körper, Beinen, Hüften, Brust, Rücken, Kopf dagegen, umfängt den Klotz mit den Armen, durchstößt ihn mit Knien und Beinen, fährt mit dem Kopf hin und her und schleift so einen waagerechten oberen Abschluss aus. Er presst, dreht, windet sich nach einem genau bemessenen Programm an, in und gegen den Block, durchpflügt den Gips nach innen, ertastet und umspannt ihn von außen. Er zieht seine Körperbahn, bis das Material hart und widerständig geworden ist."

Weiß der Betrachter um diesen Vorgang, der zu einer eigentümlich gefäßhaften Form geführt hat, kann er diese Bewegungen des Künstlers vielleicht erahnen. Optisch und haptisch fassbar aber ist die Verkörperung der geplant ausgeführten Bewegungen des Künstlers. Die sprichwörtliche Handschrift des Bildhauers ist in einer plastischen Arbeit seit jeher anwesend. Breloh weitet sie auf den Körper aus und verabsolutiert sie, so dass man vielleicht genauer von einer Körperschrift sprechen müsste. Doch auch er trennt sich schließlich vom erhärtenden Material und hinterlässt ein außerhalb und unabhängig von ihm selbst existierendes Werk. Die Verschmelzung zwischen Künstler und Werk bleibt ein Traum, selbst wenn der Künstler sich, wie weiland Timm Ulrichs, selbst zum Kunstwerk erklärt. Da ist es der intellektuelle, darstellerische Akt, der die Differenz herstellt. Zurück bleibt, im Falle der Magdeburger Lebensgröße von Heinz Breloh, das eigentümliche Monument einer romantischen Passion.

Über den Künstler

Heinz Breloh (geboren 1940 in Hilden; gestorben 2001 in Köln) war ein international bekannter deutscher Künstler. Er war unter anderem Mitbegründer der Zeitschrift nummer und des Ausstellungsforums depot in Köln (1971).

LEBEN

Nach Abschluss seines Studiums bei Fritz Wotruba in Wien fand Heinz Breloh seinen Ausdruck im Wesentlichen in der Fotografie, bei Video, Performance (Kunst) und Installationen (Installation (Kunst)). Über die Auseinandersetzung mit diesen Medien kam er zur Skulptur zurück. Als Material verwendete er unter anderem Eisen-Guss (Gusseisen), Terrakotta, Gips und Bronze.

THEMEN

"Lebensgröße": In einer festgelegten Choreografie umschreitet, umtanzt der Künstler die weiche Gipsmasse. Er wirft sich mit dem ganzen Körper - Beinen, Hüften, Brust, Rücken, Kopf - dagegen, umfängt den Klotz mit den Armen, durchstößt ihn mit Knien und Beinen, fährt mit dem Kopf hin und her und schleift so einen waagerechten oberen Abschluss aus. Er presst, dreht, windet sich nach einem genau bemessenen Programm an, in und gegen den Block, durchpflügt den Gips nach innen, ertastet und umspannt ihn von außen. Er zieht seine Körperbahn, bis das Material hart und widerständig geworden ist. Die fertige Skulptur hält die Körperform als negatives Volumen fest. Sie ist (im klassischen Sinn von Erinnerung) ein Monument der Körperspur." (Manfred Schneckenburger: Körperhandlungen wider die Apparatenwelt, in: "Skulptur als Körperspur - Heinz Breloh", p. 17, 2008 s. u.).

"Sechsender": In diesen Werken "... thematisiert Breloh immer wieder den Bildhauer selbst als Sechsender, also mit den sechs sinnlichen Kraftenden Kopf, Armen, Beine und Genital und dessen Arbeiten an einer Skulptur und die von ihm ausströmenden und ihn vor dort erreichenden Kraftlinien der Bewegung ..." (Marina von Assel: Heinz Breloh - Skulpturen und Zeichnungen, in: "Skulptur als Körperspur - Heinz Breloh", p. 72, 2008 s. u.).

Heinz Breloh lebte und arbeitete überwiegend in Köln; sein künstlerisches Erbe wird von seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Krimhild Becker (Köln) betreut.

Heinz Breloh erhielt 1989 den Preis des Deutscher Künstlerbund.

LEBENSLAUF

: 1961­-1963 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg

: 1964-1968 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien; Meisterschüler bei Fritz Wotruba

: 1969-1977 Kunsterzieher an weiterführenden Schulen in Hamburg und Köln

: 1980-1981 Stipendium der Stadt Köln, P.S.1, New York

: 1982 Stipendium des Landes NRW, Cité des Arts, Paris

: 1982-1983 Gastprofessur an der Kunstakademie Düsseldorf

: 1987 Gastprofessur an der École-des-Beaux-Arts, Nîmes

: 1993-1994 Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

: 1996-1998 Gastdozent an der Kunstakademie Münster

WERKE (AUSWAHL)

: Lebensgröße: Bronze-Plastik; vor der St. Nikolaikirche (Wismar) 1985;

: Lebensgröße: Bronze-Plastik; auf dem Moltkeplatz, Essen 1994 (siehe Weblinks);

: Lebensgröße Magdeburg: Bronze-Plastik; im Skulpturenpark Magdeburg beim Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg 1995;

: Lebensgröße: Bronze-Plastik; Wissenschaftszentrum, Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Braunschweig.

: Kreise ziehen: Installation aus einem Bronzegitter in einer Doline und einem Laubbaum-Hain darum; im Wald auf dem Oberen Eselsberg in Eselsberg; Koord 48° 25.039' N, 09° 57.194' E; Universität Ulm; 1996;

Weitere Werke von Heinz Breloh finden sich u. a. im Kolumba (Museum), Köln, im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg, im Kunst- und Skulpturen Museum Deutschhof (Heilbronn), im Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen sowie im Lehmbruck-Museum, Duisburg

: die Werke "Der Bildhauer im Fluß" 1990 und "Der Bildhauer in der Mittagsonne" 1991 finden sich in der Landschaftsinstallation Im Tal der Stiftung Ulla und Erwin Wortelkamp, Hasselbach (Westerwald)

ZITAT

"Das ist eigentlich der Wunsch, dass die Plastik einem so nahe kommen kann, wie ein Mensch, wie sagen wir mal Sex, dieses ganz Nahe. Das ist eigentlich so eine Vorstellung, dass die Plastik ein Gegenüber ist, wie es enger nicht vorstellbar ist. Die Arbeit ist dann fertig, wenn zwischen der Arbeit und mir keine Distanz mehr ist." (Heinz Breloh, zitiert in "Skulptur als Körperspur - Heinz Breloh", 2008, s. u.)

(Quelle: de.Wikipedia.org)