Mutter und Kind, 1974
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Mutter und Kind, 1974

Balden, Theo

Mutter und Kind, 1974 © Saskia Hubert
© Saskia Hubert

Wie Graetz gehörte Theo Balden zu denjenigen Künstlern, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Westen vor allem auf Grund ihrer politischen Orientierung in die sowjetisch besetzte Zone und nicht nach Westdeutschland in ihre ehemalige Heimat zurückkehrten. Beide hatten sich 1940 in einem Internierungslager in Kanada kennengelernt. Sie gehörten dann in Ost-Berlin, so berichtet der Kunsthistoriker Eckhard Gillen, zu jener englischen Gruppe, die sich im Haus des Kulturbundes traf und wegen ihrer internationalen Verbindungen und der kritischen Haltung gegenüber Ulbrichts Unverständnis in Kunstdingen bald unter Beobachtung der Staatssicherheit stand.

Balden, der kurze Zeit und wenig glücklich am Weimarer Bauhaus studiert hatte, war als Künstler Autodidakt. Die nachhaltigsten persönlichkeits- und werkbildenden Erfahrungen, die ihm die Basis seines künstlerischen Selbstbewusstseins sicherten, hatte er in den Jahren der existentiellen Ausnahmesituation seines englischen Exils gemacht, durch englische Sprache, englische Landschaft und englische Künstler. (Ursula Feist) Von den Bildhauern ist da Jacob Epstein mit seinen mächtig aufgetürmten Figuren zu nennen. Untergründiger, langanhaltender war, nach Baldens eigenen Worten, die Wirkung Henry Moores für ihn. Die Divergenz mit dem ideologisierten, künstlerisch anspruchslosen Begriff eines sozialistischen Realismus, wie er in den 50er und 60er Jahren in der DDR propagiert wurde, war damit gesetzt und löste sich, wenn auch wohl nie gänzlich, erst mit den programmatischen Öffnungen der 70er und 80er Jahre.

Von den Archetypen, mit denen Theo Balden sich künstlerisch immer wieder auseinandergesetzt hat, ist der von Mutter und Kind für ihn offenbar von besonderer Bedeutung gewesen. Auch hierin trifft er sich mit Henry Moore. Aus dem Jahr 1924/25 stammt eine Plastik des Engländers zu diesem Thema, die Balden gekannt haben wird. In voluminöser, tektonischer Körperlichkeit stellt sie ein nacktschädliges Kind, sitzend auf den Schultern der Mutter, dar, mit einem Ärmchen deren Stirn umklammernd, den anderen stützend gegen deren Wange gewinkelt. Die Mutter stützt mit ihrer Linken den Rücken des Kindes, während sie mit der Rechten dessen linkes Beinchen hält. Es ist eine vielfältige Verklammerung, in der jedoch die Mutter noch immer die traditionelle Rolle der Beschützerin/Gehilfin des Kindes spielt.

Balden adaptiert diese Grundsituation, verschiebt sie jedoch ins Symbolistische und entwickelt eine andere Idee davon. Das Mutter-Kind-Gebilde, in dem man wohl bestimmte Gliedmaßen erkennt, besitzt, wie so oft bei Balden, zugleich etwas Vegetabilisches. Sowohl der Kopf der Mutter als auch der des Kindes scheint aus im gewachsen zu sein, der des Kindes, das konzentriert in eine unbestimmte Ferne schaut, jetzt sprichwörtlich über den der Mutter hinaus. Es kann schon weiter und vermutlich mehr sehen als sie, die ihr Gesicht (melancholisch, Abschied nehmend?) aus sich selbst fortwendet, während sie zugleich und angestrengt noch auf ein Wort ihres Kindes zu lauschen scheint.

Über den Künstler

LEBEN UND WERK

Balden wurde als drittes Kind des deutschen Auswandererehepaars Bertha und Otto Koehler am Rio Raffael in der Nähe der Stadt Blumenau geboren. Nach dem Unfalltod des Vaters im Jahr 1905 kehrte die Mutter mit ihren Kindern 1906 nach Deutschland zurück und zog nach Berlin. Ab 1910 besuchte Balden die Volksschule und erhielt wegen seines zeichnerischen Talents 1917 Zeichenunterricht.

Von 1918 bis 1922 absolvierte er eine Ausbildung als technischer Zeichner in der Maschinenbaufabrik Ludwig Loewe & Co (Berlin) und studierte 1923 bis 1924 am Bauhaus in Weimar unter anderem bei Lászlo Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer. Seit 1924 war er freischaffend. 1928 trat er in die KPD ein und trat 1926 auch der Roten Hilfe einer Solidaritätsorganisation der KPD bei. 1929 wurde Balden Mitglied in der Assoziation revolutionärer bildender Künstler (Asso). Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus war Balden in einer illegalen Widerstandsgruppe aktiv. Im Januar 1934 wurde Balden verhaftet. Nach 9 Monaten Haft wurde er unter Polizeiaufsicht freigelassen. 1935 konnte er nach Prag mit einem falschen Pass auf den Namen Theo Balden fliehen. Diesen Namen behielt er auch in Zukunft bei.

In Prag war Balden Mitbegründer und erster Vorsitzender des Oskar Kokoschka Bundes deutscher und österreichischer Künstler. Die Besetzung der Tschechoslowakei 1939 durch die Deutschen zwingt Balden zur Flucht nach Großbritannien. In London wirkte er weiter als Künstler und arbeitete daneben als Gärtner. Hier heiratete er auch Annemarie Romahn (Annemarie Balden-Wolff). Nach dem deutschen Angriff auf Frankreich wurde Balden wie andere deutsche Emigranten als feindlicher Ausländer interniert und mit deutschen Kriegsgefangenen nach Kanada gebracht. Nach mehreren Monaten im Internierungslager wurde Balden 1941 nach Fürsprache der britischen Royal Academy of Arts freigelassen und kehrte nach London zurück. Er beschäftigte sich in einer Gießerei mit Metallguss und arbeitete für das Museum der Stadt Derby. Seine Werke wurden in verschiedenen Ausstellungen in Großbritannien gezeigt.

1947 kehrte er nach Deutschland zurück und war 1948 bis 1950 Mitarbeiter der Satirezeitschrift Ulenspiegel. Von 1950 bis 1958 lehrte er an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee der DDR und lebte danach als freischaffender Künstler. Nach der Scheidung von Annemarie Rohman im Jahr 1952 heiratete Balden 1955 seine zweite Frau Edith Egerland, mit der er dann auch einen Sohn hatte. 1970 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste und 1974 Ehrenmitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR.

EHRUNGEN

Balden wurde 1967 und 1976 mit dem Nationalpreis der DDR, 1969 mit der Johannes-R.-Becher-Medaille und dem Käthe-Kollwitz-Preis, 1979 mit dem Vaterländischen Verdienstorden und 1983 mit dem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet. 1990 wurde er Professor der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin.

PLASTIKEN

: Mahnung, 1945

: Ernst Busch, 1955

: Alte im Fenster, 1956

: Vietnamesischer Freiheitskämpfer, 1957

: Torso eines Gemarterten, 1961

: Zeitungsleser, 1967

: Mann im Sturm, 1967

: Karl Liebknecht (in Luckau), 1969

: Vogelbaum, 1972

: Stürzender und Aufsteigender, 1972

: Hommage Victor Jara, 1974

: Paraphrase zu Michelangelos Sklaven, 1980

: Pieta perversa II, 1982

: Karl Liebknecht Herz und Flamme der Revolution (in Potsdam), 1983

: Geschwister (im Park am Spreetunnel in Berlin-Friedrichshagen)

(Quelle: de.Wikipedia.org)