Inborn Power, 1970
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Inborn Power, 1970

Graetz, René

Inborn Power © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

"Jetzt", so schrieb René Graetz im Jahr der Entstehung von Inborn Power in sein Tagebuch, "habe ich das Gefühl, daß ich auf eigenen Beinen stehen muß. Vielleicht zum ersten Mal seit 1950 - Es gibt kein Zurückgehen. Eigentlich ein schönes Gefühl! - Abstand zu halten und sich unabhängig zu fühlen von all dem falschen theoretischen Druck, der in der Tat wenig Bedeutung hat für die künstlerische Produktion. Dies sind so viele Bindungen ohne Bedeutung, nur ein Mittel über die Gedanken anderer zu herrschen - in der Tat unschöpferisch."

Die kleine Plastik erscheint wie der Versuch einer bildlichen Vergewisserung dieses Tagebucheintrags. Aneinander aufschwingende, einander stützende abstrakte Formen stehen für Graetz nun als Sinnbild einer angeborenen, das heißt von Ideologie, Gesellschaft oder Erziehung unabhängigen, naturgegebenen, kreatürlichen Kraft, die er wohl auch als tiefsten und bestimmenden Grund eines ureigenen künstlerischen Ausdrucksvermögens begriff. In diesem Zusammenhang entstand dann 1970 und in den folgenden Jahren auch noch eine nur durch Nummerierung spezifizierte plastische Serie, die er beziehungsreich Upright Figures bzw. Small Upright nannte und die an ähnlich geartete Versuche Henry Moores aus der Mitte der 1950er Jahre erinnern. Graetz hatte Moore schon 1943 während seines Aufenthalts in England kennen gelernt und sich intensiv mit dessen Arbeit beschäftigt. Neben dem Italiener Renato Guttuso, den Mexikanern Siqueros und Riviera, Henry Matisse und vor allem Pablo Picasso zählte das Werk des englischen Bildhauers zu den wesentlichen Inspirationsquellen für René Graetz.

Auch wenn Graetz im Jahr vor seinem Tod wieder zu figürlichen Versuchen zurückkehrt, markiert die oben zitierte Tagebuchnotiz für ihn in gewissem Sinn einen Endpunkt der mehr oder weniger öffentlich geführten, vielfach quälenden Auseinandersetzungen, in denen er gegenüber der Kulturbürokratie der DDR die künstlerischen Errungenschaften der Klassischen Moderne und der fortschrittlichen westeuropäischen Kunst als legitimes Form- und Gestaltungsreservoir einer weltoffenen sozialistischen Kunst, wie er sie verstand, einforderte und das gegen deren Widerstände auch in seinem Werk realisierte. Mit Inborn Power und seinen Upright Figures postulierte er als einziger der erklärtermaßen staatsnahen Künstler der älteren, noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen Generation ungegenständliche Formen als legitimes Mittel zeitgemäßen künstlerischen Ausdrucks.

Über den Künstler

René Graetz (geboren 2. August 1908 in Berlin; gestorben 17. September 1974 in Graal-Müritz) war Bildhauer und Grafiker.

LEBEN

Er wuchs in Genf auf. Bis 1923 erhielt er eine Ausbildung als Tiefdrucker. Von 1923 bis 1926 besuchte er Vorlesungen in Genf und Zürich. Ab 1929 arbeitete er als Monteur in einer Großdruckerei in Kapstadt/Südafrika. 1932 besuchte er dort eine Bildhauerschule und arbeitete ab 1935 als Bildhauer. 1938 musste er Südafrika verlassen, 1939 emigrierte er über die Schweiz und Frankreich nach Großbritannien, wo er in London lebte. Hier lernte er Henry Moore kennen, den er mehrfach in dessen Atelier besuchte. 1939 wurde er interniert und 1940 nach Kanada deportiert. 1941 konnte er nach London zurückkehren und arbeitete dort für den Freien Deutschen Kulturbund. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück, wurde 1946 Mitglied der KPD und später der SED. Er lebte im Ostteil Berlins und war später als freischaffender Maler tätig.

Von ihm stammen viele Aquarelle, Zeichnungen und Skulpturen. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Reliefstelen in Buchenwald und der Plastik Befreiung in der Gedenkstätte Sachsenhausen. 1970 wandte er sich von der Bemühung um eine konkrete Darstellung des Menschen ab und ging zu einer abstrahierenden Darstellung über. Wendepunkt war die Schaffung der Werke Upright Figures und Inborn Power.

Graetz war von 1944 bis zu seinem Tod mit der Künstlerin Elizabeth Shaw verheiratet.

AUSZEICHNUNGEN

: 1959: Nationalpreis der DDR II. Klasse für die Mitwirkung am Buchenwalddenkmal

: 1973: Käthe-Kollwitz-Preis

(Quelle: de.Wikipedia.org)