Figurenensemble Zollbrücke, 1882/2007
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Figurenensemble Zollbrücke, 1882/2007

mehrere Künstler

Figurenensemble Zollbrücke © Saskia Hubert
© Saskia Hubert

Die Zollbrücke, die Kleinen und Großen Werder unterhalb des Zollhafens über die Zollelbe hinweg verbindet, bleibt im Aufwand, den man von 1880-82 ganz offensichtlich bei ihrer Errichtung und Ausgestaltung getrieben hat, dem Passanten an dieser Stelle heute weitgehend unverständlich. Das Denkmalverzeichnis bezeichnet sie als "eindrucksvollstes und gestalterisch aufwändigstes Brückenbauwerk der Stadt Magdeburg". Sie erscheint weniger als ein Verkehrs- denn als ein Bedeutungsträger, was freilich Brücken schon immer gewesen sind. Signifikante Lage, die Kühnheit ihrer technischen Konstruktion, besondere ästhetische Qualitäten, architektonischer beziehungsweise plastischer Schmuck weit über das Notwendige ihrer Funktion hinaus konnten sie zu Sinnbildern des technischen Fortschritts machen, der Ingenieurkunst oder auch einer bestimmten politischen Entwicklung. Ivo Andric schrieb einen ganzen Roman über eine Brücke, die Schlossbrücke in Weimar wurde für Christian Rohlfs zum Motiv einiger seiner bedeutendsten Gemälde und für den Magdeburger Tourismus war beispielweise die 1903 eingeweihte Königsbrücke ein beliebtes Postkartenmotiv.

In den Jahren, in denen man sich entschloss, die seit 1828 bestehende Zollbrücke durch einen Neubau zu ersetzen, entwickelte sich der Große Werder zu einem exponierten Wohngebiet für Bessergestellte. 1864 schon hatte der Kaufmann Theodor Dschenfzig gebaut, 1871 der Industrielle Otto Hubbe, 1872 der Reeder C. Stahlkopf. Es folgten Bauunternehmer, vermögende Maurermeister, die auf Vermietung setzten, 1904 ein Stift für ältere Damen aus den besseren Ständen. Man floh aus der lauten, überfüllten und schmutzigen alten Stadt, die aus dem Grün vom Ostufer der Elbe dem fernen Betrachter eines ihrer schönsten Panoramen bot.

Im allegorischen Skulpturenprogramm der neobarock auftrumpfenden Brücke vergegenwärtigte man sich die Quellen seines Reichtums. Dass man dabei ebenso wie in der Architektur auf das Form- und Bildreservoir einer längst vergangenen Zeit zurückgriff, entsprach - wie die Idee der Siedlung im Grünen - dem Geist der Zeit, dem Bedürfnis nach Distanz zu den die gewohnten Verhältnisse radikal umbrechenden Entwicklungen, die man gerade in der Industrie, aber auch in der Landwirtschaft, in der Schifffahrt und auch im Handel, eigentlich in allen Lebensbereichen, erlebte.

Der Rückgriff auf historische Kunststile, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielfach wahllos und exzessiv ausuferte, war also zum einen nicht nur Ausdruck gründerzeitlicher Großmannssucht, denn natürlich spiegelte diese Maskerade zugleich die tiefen Verunsicherungen, die durch diese Veränderungen ausgelöst wurden. So ist das Modernste, was sich unter den Attributen finden lässt, die die Figuren auf der Zollbrücke charakterisieren vielleicht die Rohrzange der Industrie. Selbst der Gebrauch von Zahnrädern aus Eisen ist ja bereits im 16. Jahrhundert durch Georg Agricola vermeldet worden.

Zum anderen wird man bedenken müssen, dass eine zeitgemäße Darstellung so komplexer Gegenstände wie zum Beispiel der gerade im Magdeburger Raum weitgehend industrialisierten Landwirtschaft im Rahmen traditioneller Bildhauerei eigentlich schon unmöglich geworden war.