Kelchbrunnen, 1964
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Kelchbrunnen, 1964

Kühn, Fritz

Kelchbrunnen © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

Ab 1963 wurde der weitestgehend kriegszerstörte Nordabschnitt des Breiten Weges, der bereits 1953 den Namen Karl-Marx-Straße erhalten hatte, zu einem der ersten modernen Fußgängerboulevards der DDR ausgebaut. Fritz Kühn, der im eben eröffneten Hotel International, eine heute offenbar verschollene Stahl-Licht-Wand entworfen hatte, erhielt nun den Auftrag, ein gestalterisches Konzept für den neuen Straßenraum zu entwickeln, an dem als markante historische Architektur nur noch die Katharinenkirche stand. Als deren gestalterisches Kernelement entstanden 1964 ein Kugel- und drei Kelchbrunnen. Zur Möblierung entwarf der renommierte Metallbildhauer überdies eine Stadtbank sowie Absperrelemente für die Straßenbahn.

Als Kunstschmied hatte Fritz Kühn naturgemäß mit geometrischen, additiven Formkompositionen zu tun und experimentierte in den 1960er Jahren auch in seinen freien Arbeiten damit, etwa in der Stahlskulptur Schwebender Kristall, die 1962 für einen Schulkomplex in Düsseldorf entstand. Der Übergang zu angewandten Arbeiten, die sich in diesen Jahren mit den durch den Elementarunterricht am Bauhaus populär gewordenen geometrischen Grundformen beschäftigen, erscheint hierbei im Grunde nur wie eine rhythmische Steigerung. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Kühn neben den Magdeburger Kugel- und Kelchbrunnen in dieser Zeit für Merseburg einen Würfel- und einen Röhrenbrunnen entwickelte. Der Schwebende Ring, den Fritz Kühn 1967 vor seinem frühen Tod als eine seiner letzten Arbeiten für den Straußberger Platz in Berlin verwirklichen konnte, ist wohl die Formulierung aus diesem Werkzusammenhang, die die größte Komplexität besitzt.

Da solche nur scheinbar einfache Arbeiten im Wesentlichen aus dem Kontrast, der Spannung und dem Rhythmus ihrer Formzusammenhänge leben, ist es bedauerlich, dass der Umbau des Breiten Weges in den 2000er Jahren, das Ensemble optisch getrennt und die ursprünglich quadratischen Brunnenfassungen durch runde Becken ersetzt hat. Das fein ausgewogene, differenzierte Wasserspiel, in dem die verschieden hohen Kelchen zu tanzen scheinen, ist nur noch solitär zu erleben. Die große Inszenierung kann nur mehr im Kopf stattfinden. Ob bewusst oder unbewusst führte Fritz Kühn den Bauherren und Architekten des neuen Breiten Weges vor, wie man mit einfachsten Mitteln lebendigste Wirkung entfalten kann. Es ist nicht überliefert, ob und wenn ja wie der Künstler auf die 1964 verfügte Sprengung der Katharinenkirche reagiert hat. 1966 ließen die Bauherren auch noch deren Türme abbrechen.

Über den Künstler

Fritz Kühn (geboren 29. April 1910 in Berlin-Bohnsdorf; gestorben 31. Juli 1967 in Berlin) war ein deutscher Kunstschmied, Fotograf, Bildhauer und Schriftsteller.

LEBEN

Er wurde als Sohn des Schmiedes Arthur Kühn geboren. Nach seiner Schulausbildung absolvierte Fritz Kühn ab 1924 zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher. Gleichzeitig begann er zu fotografieren. Sein Vater eröffnete 1926 in Berlin-Weißensee eine eigene Schmiede. Fritz Kühn lernte 1927 den Unternehmer Karl Schmidt kennen, der seine Selbstständigkeit förderte. 1937 legte Kühn die Schmiedemeisterprüfung ab und eröffnete eine eigene Atelier-Werkstatt in Berlin-Bohnsdorf auf einem umgebauten Gutshof. 1938 erschien Kühns erstes von 12 Kunst- und Fachbüchern Geschmiedetes Eisen im Wasmuth-Verlag. Fritz Kühn war verheiratet und 1942 wurde sein Sohn Achim geboren.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, baute Kühn seine zerbombte Werkstatt in Bohnsdorf mit Hilfe seiner Gesellen wieder auf und kümmerte sich um Aufträge beim Wiederaufbau bedeutender Berliner Gebäude. So fertigte seine Werkstatt, in der er auch wieder Lehrlinge ausbildete, beispielsweise neue Treppengeländer für das damalige Zeughaus, schmiedete Treppengeländer sowie Innen- und Außengeländer für die Staatsoper.

1947 veröffentlichte er seine erste fotografische Arbeit, 10 Jahre Kunstschmiede Fritz Kühn, in der Kühns Verbundenheit zum Werkstoff Eisen zum Ausdruck kommt. Bemerkenswert ist die Entwicklung eines speziellen Oberflächen-Behandlungsverfahrens für Eisenerzeugnisse, das Fachleute mit dem Tachismus von Yves Klein oder der informellen Malerei von Emil Schumacher vergleichen. Seine Kunstwerke fanden schnell internationale Anerkennung. Die DEFA drehte 1954 mit Fritz Kühn einen Film mit dem Titel ?Lebendiges Eisen? über dessen Werk.

WERKE KUNST AM BAU (AUSWAHL)

: 1952-1954: geschmiedete Leuchter und Treppengitter für das Berliner Zeughaus. Je Leuchter: Höhe mit Aufhängung 3 Meter, Durchmesser 1,70 Meter, Gewicht circa 200 kg.[2]

: 1955: Wandplastik am Deutschen Theater Berlin

: 1958: eine Gitterskulptur, die aus einer Röntgenaufnahme des menschlichen Brustkorbs abstrahiert ist; ausgestellt bei der Weltausstellung in Brüssel im bundesdeutschen Pavillon[1]

: 1958: Bekrönung für den Turm der Gedenkstätte Buchenwald

: 1961: Altarkreuz und Leuchter der Gethsemanekirche

: 1964: Brüstungsgitter und Standleuchter in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin

: 1964: Fischbrunnen in Magdeburg

: 1965: A-Portal der Berliner Stadtbibliothek, 4,00 × 6,00 m, Buchstabe ?A? in 117 Varianten in 9 Reihen übereinander

: 1965: Brunnen im Innenhof des Café Moskau, 2,50 m hoch

: 1965: Wandgestaltung im alten Ratssaal des Hagener Rathauses, 5,60 × 22,40 m (heute eingelagert).

: 1966: Kupferverkleidung und 3 Eingangstüren für die Komische Oper Berlin, à 2,50 × 2,00 m sowie[4]

: 1966: Wandrelief Lindenblätterwald an der ehemaligen Polnischen Botschaft, Unter den Linden 72?74, 3,70 × 10,50 m

: 1967: Schwebender Ring des Brunnens auf dem Strausberger Platz, Höhe 5,00 m, bestehend aus getriebenen Kupferplatten in Diamantquaderung

: 1967: Metallfassade für das Centrum Warenhaus in Suhl (Entwurf; im Oktober 2006 Abriss der Fassade und Umbau zu einem Einkaufszentrum); einige Teile waren als Exponat für das Museum vorgesehen, wurden jedoch während der Bauarbeiten aus dem Lagerraum gestohlen.[5]

: 1968: Kupferreliefarbeit über die Entwicklung des mathematischen und technischen Denkens am Haus der Statistik am Alexanderplatz in Berlin (Entwurf 1967), Ausführung von seinem Sohn Achim Kühn

VERÖFFENTLICHUNGEN (AUSWAHL)

: Sehen und Gestalten. Natur und Menschenwerk, Leipzig 1951.

: Gottes harte Herrlichkeit. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1966.

: Geschmiedetes Gerät. 4. Aufl. Wasmuth, Tübingen, ISBN 3-8030-5017-0.

: Eisen und Stahl ? Werkstattbuch der Schmiedekunst. Augustus-Verlag, Augsburg 1989. ISBN 3-8043-2715-X.

WÜRDIGUNGEN

: 1954 erhielt Fritz Kühn den Nationalpreis der DDR, 3. Klasse, für seine gestalterische Tätigkeit im Bereich Kunst-am-Bau der Nachkriegsarchitektur in Berlin und weiteren Städten.

: 1964 ernannte das Ministerium für Kultur der DDR Fritz Kühn zum Professor. 1958 und 1966 war er mit bedeutenden Werken an den Weltausstellungen in Brüssel und Montreal beteiligt. Ihm wurde 1969 eine Gedenkausstellung in den Museen des Louvre gewidmet. Nach dem Tod führte sein Sohn Achim Kühn die Atelier-Werkstatt erfolgreich weiter.

: Die DDR-Regierung erklärte 1983 das Lebenswerk von Fritz Kühn zum nationalen Kulturgut.

: 1999 wurde in Berlin-Bohnsdorf eine Straße nach ihm benannt.

: 2004 gründete sich die Fritz-Kühn-Gesellschaft e.V., die den umfangreichen Nachlass des universellen Künstlers für eine dauerhafte Präsentation in einem zu bauenden Museum auf dem Gelände der Atelier-Werkstatt aufbereiten möchte. Finanzierungs-Probleme verhinderten bisher die Umsetzung. Kleine Erfolge wie die Veranstaltung eines Sonderkonzerts, deren Eintrittsgelder für den Museumsbau gespendet wurden, oder die Zusage des zuständigen Bezirksamtes Treptow-Köpenick, einen Kulturwissenschaftler und einen Haustechniker zur Aufbereitung des Nachlasses einzusetzen[6], sind inzwischen zu verzeichnen. Zwei studentische Diplomarbeiten eine aus der Hochschule Zwickau im Jahr 2006[7] und eine Arbeit der Fachhochschule Berlin, Fachbereich Architektur, 2008 lieferten erste Gebäudeentwürfe für das Museum.[8]

: 2008 wurde die ehemalige Linden-Oberschule in Berlin-Bohnsdorf nach ihm benannt.

: Im Mai 2010 eröffnete in der Galerie Alte Schule Adlershof (Dörpfeldstraße 56) eine Ausstellung ausgewählter Werke von Fritz Kühn.

(Quelle: de.Wikipedia.org)