Neue Wanderausstellung von Volksbund und Riga-Komitee
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Neue Wanderausstellung von Volksbund und Riga-Komitee

Die Erinnerung an die Folgen der »Wannsee-Konferenz« halten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und das Deutsche Riga-Komitee, in dem Magdeburg seit 2008 Mitglied ist, mit einer neuen Wanderausstellung wach. Im Fokus: die lettische Hauptstadt Riga. Vor 80 Jahren, am 20. Januar 2022, besprachen 15 Männer am Wannsee bei Berlin die »Endlösung der Judenfrage«. So lautete der Tarnbegriff für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas.

Wanderausstellung Riga © Stadtbibliothek Magdeburg (Screenshot Volksbund)
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© Stadtbibliothek Magdeburg (Screenshot Volksbund)

15. Tage der jüdischen Kultur und Geschichte Magdeburg 2022//5783
Noch bis zum 28. November 2022
Stadtbibliothek Magdeburg (III. Obergeschoss, erreichbar mit dem Fahrstuhl)
»Riga - Deportationen, Tatorte, Erinnerungskultur«
Neue Wanderausstellung des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Deutschen Riga-Komitees

Geöffnet zu den Öffungszeiten der Stadtbibliothek Magdeburg/Zentralbibliothek:

Montag bis Freitag 10:00 - 19:00 Uhr
Sonnabend 10:00 - 13:00 Uhr
An Sonn- und Feiertagen nicht geöffnet.

Eintritt frei

Anmeldung von Führungen für Schulklassen
Herr Dr. Maik Hattenhorst, Stadtbibliothek (Zentrale), Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +49 391 540-4816, E-Mail: Maik.Hattenhorst@stadtbibliothek-magdeburg.de

Weitere Informationen
Herr Jan Scherschmidt, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. - Landesverband Sachsen-Anhalt
Tel. +49 391 6074540, E-Mail: s-anhaltvolksbund.de, Internet: www.volksbund.de/Sachsen-Anhalt

Gemeinschaftsveranstaltung des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge/Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. mit der Landeshauptstadt Magdeburg/Stadtbibliothek im Rahmen der 15. Tage der jüdischen Kultur und Geschichte 2022//5783

Die neue Wanderausstellung von Volksbund und Riga-Komitee

Logo Riga-Komitee © Stadtbibliothek Magdeburg (Logo Riga-Komitee)
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© Stadtbibliothek Magdeburg (Logo Riga-Komitee)

Die Wander­ausstellung widmet sich den Deportationen der jüdischen Nachbarn, den Tatorten und Tätern in Riga sowie den Erinnerungskulturen in den Mit­gliedsstädten des Riga-Komitees. Etwa 25.000 deutsche, öster­reichische und tschechische Juden – Kinder, Frauen und Männer – sind ab Ende 1941 und im Verlauf des Jahres 1942 in das vom national­sozialistischen Deutschland besetzte Riga deportiert worden.

Im Riga-Komitee sind seit dem Jahr 2000 Herkunftsstädte der im Zweiten Weltkrieg nach Riga deportierten Jüdinnen und Juden zusammengeschlossen. Die Landeshauptstadt Magdeburg trat dem Riga-Komitee 2008 bei.  Das Städtebündnis macht es sich zur Aufgabe, die Erinnerung und das Gedenken an die verschleppten und ermordeten Bürgerinnen und Bürger lebendig zu halten. Das Riga-Komitee hat die Errichtung einer Gedenkstätte unterstützt, die seit 2001 im Wald von Bikernieki an die etwa 35.000 Menschen erinnert, welche an diesem Ort von den deutschen Besatzern und ihren Helfern erschossen worden sind. Mittlerweile sind über 60 Städte im Riga-Komitee miteinander verbunden – es ist ein einzigartiger Zusammenschluss innerhalb der internationalen Erinnerungslandschaft.

Die Ausstellung „Riga Bikernieki – Wald der Toten“ des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge war im Jahr 2012 in Magdeburg  im Saal der Partnerstädte des Alten Rathauses gezeigt worden. Anlass war das 1. Symposium des Deutschen Riga-Komitees in Magdeburg mit Gästen aus 12 Partnerstädten des Deutschen Riga-Komitees. Diese Ausstellung gab eindrucksvoll Auskunft über den Leidensweg von über 25.000 deutschen Juden, die deportiert und im Zeitraum von November 1941 bis zum Winter 1942 im Wald von Riga-Bikernieki ermordet worden sind. Sie zeigte aber gleichzeitig auch, dass an dieser Stätte des Grauens eine würdige Grabstätte entstanden ist. Dies war möglich auf der Grundlage des Deutsch-Lettischen Kriegsgräberabkommens von 1996, wobei sich die Bundesregierung verpflichtete, auch den deutschen Opfern der Deportation in Lettland würdige Grabstätten zu schaffen.

Wanderausstellung Riga: Aufsteller © Stadtbibliothek Magdeburg (Volksbund I Aufsteller)
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© Stadtbibliothek Magdeburg (Volksbund I Aufsteller)

Die Wanderaussstellung "Riga - Deportationen, Tatorte. Erinnerungskultur" knüpft unmittelbar an die Ausstellung von 2012 an. Vor 80 Jahren, am 20. Januar 2022, besprachen 15 Männer am Wannsee bei Berlin – auf Einladung des von der NS-Führung beauftragten Reinhard Heydrich – die „Endlösung der Judenfrage“. So lautete der Tarnbegriff für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas. Die Erinnerung an die Folgen der „Wannsee-Konferenz“ halten Volksbund und Riga-Komitee mit einer neuen Wanderausstellung wach. Im Fokus: die lettische Hauptstadt Riga. Sie soll – wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinem Geleitwort schreibt –

„uns […] den Blick in die eigene und in die gemeinsame Geschichte (ermöglichen). Gemeinsam hoffen wir, dass die Erkenntnis, die wir daraus gewinnen, uns vor einem Rückfall in die Barbarei bewahren wird. Und wir vertrauen auf die Verbindungen, die unter neuen Vorzeichen in der gemeinsamen Arbeit an diesem Ort gewachsen sind.“

Begleitend ist eine Broschüre erschienen, die in der Stadtbibliothek Magdeburg erhältlich ist.

Warum Riga?

Das Massenmorden an den Juden in Riga verdeutlicht, dass der Holocaust durch die beginnenden Deportationen aus Deutschland in den Osten beschleunigt wird. Nachdem der Plan, die europäischen Juden auf die Insel Madagaskar auszusiedeln gescheitert war, diskutiert die NS-Führung verstärkt über andere Möglichkeiten der „Endlösung der Judenfrage“.

Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion verschärft diese Situation. Immer mehr Menschen fallen den Mordaktionen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion zum Opfer, wie sie die Einsatzgruppen seit Juni 1941 praktizieren. Im September 1941 verfügt Hitler die Deportation der Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich in Richtung Osten. Ursprünglich sollten die Deportationen in die besetzten sowjetischen Gebiete führen. Da der Krieg aber nicht nach deutschem Plan verlief, fahren vier Wochen später die ersten Deportationszüge in das Ghetto Litzmannstadt (DR: Heute Lodz). Weil man dort die vielen Juden aus dem Reich aber nicht aufnehmen kann, wählt das Reichssicherheitshauptamt als federführende Behörde der Deportationen dann schließlich doch Minsk und Riga als Ziele aus.

Das Baltikum und der Holocaust

Das Baltikum spielt eine wichtige Rolle in der nationalsozialistischen Nachschub- und Rüstungsindustrie. Riga ist Sitz der Verwaltungsorgane der deutschen Besatzer im „Reichskommissariat Ostland“, das die Besatzer auf dem Gebiet der Staaten Litauen, Lettland und Estland sowie Teilen Weißrusslands bilden. Die Lage an der Ostsee ist zudem von großer politischer, militärischer und auch wirtschaftlicher Bedeutung.

Die Arbeitskraft der verschleppten Häftlinge wird in den Betrieben in und um Riga rücksichtslos ausgebeutet. Von 1941 bis 1944 wird das Baltikum zu einem der Haupttatorte des Holocaust.

Wald von Bikernieki

Wanderausstellung Riga_Stoff mit Judenstern-Aufdruck © Stadtbibliothek Magdeburg (Screenshot Volksbund)
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© Stadtbibliothek Magdeburg (Screenshot Volksbund)

Im März 1942 stellen die deutschen Besatzer den Jüdinnen und Juden im Ghetto Riga und im Lager Jungfernhof bessere Unterkünfte und leichtere Arbeit in einer Fischkonservenfabrik in Dünamünde, einem Stadtteil von Riga, in Aussicht. Etwa 4.800 Juden sucht man unter diesem Vorwand aus und transportiert sie ab. Sie werden getäuscht, denn ein Lager in Dünamünde existiert nicht. Unter der Leitung des SS-Führers Rudolf Lange bringt man die Jüdinnen und Juden in den Wald von Bikernieki, östlich von Riga gelegen, und ermordet sie dort. Die Erschießungen führen deutsche Sicherheitspolizisten und das sogenannte Kommando Arajs, eine freiwillige Hilfseinheit unter der Leitung des Letten Viktor Arajs, durch. Die „Aktion Dünamünde“ ist die größte Massenerschießung im Wald von Bikernieki. Zwischen 1941 und 1944 ermorden deutsche Besatzer und lettische Hilfstruppen im Wald von Bikernieki kontinuierlich Jüdinnen und Juden, politische Häftlinge und Kriegsgefangene. 20.000 der etwa 35.000 Ermordeten sind Jüdinnen und Juden. Bikernieki ist das größte Massengrab Lettlands.

Gräber- und Gedenkstätte

Das im Jahr 2000 gegründete Riga-Komitee ist ein einzigartiger erinnerungskultureller Zusammenschluss von Städten, die an die Deportationen und Ermordungen ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern. Ein zentraler Ort dieser gemeinsamen Erinnerung ist die Gräber- und Gedenkstätte im Wald von Bikernieki bei Riga. 55 größere und kleinere Massengräber befinden sich auf dem Gelände der Gedenkstätte Bikernieki, dem größten Massengrab Lettlands.

Teaser Wanderausstellung: Steine mit Lebensdaten von Ermordeten © Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Screenshot I Broschüre zur Wanderausstellung)
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Autor: Frau Riep, Kulturbüro/Gesellschaftshaus
© Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Screenshot I Broschüre zur Wanderausstellung)

Schätzungsweise 35.000 Menschen wurden hier ermordet – jüdische Kinder, Frauen und Männer, politische Aktivisten und Gefangene sowie sowjetische Kriegsgefangene. Anfang der 1960er Jahre wurden die Massengräber im Wald von Bikernieki mit Kantensteinen umfasst. Doch fast ein halbes Jahrhundert sollte das Schicksal der Deportierten in Lettland und Deutschland weiterhin nahezu unbekannt bleiben. Noch bis Ende der 1980er Jahre wurde weder in Bikernieki noch im Wald von Rumbula an die Ermordeten erinnert. Im sowjetischen Lettland wurde der Holocaust zudem systematisch verschwiegen.

Zwar gab es Mitte der 1980er Jahre erste Pläne zur Gestaltung einer Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, doch die Bauarbeiten wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 aufgrund von Geldmangel der Stadt Riga eingestellt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands war es schließlich möglich, die Verbrechen der Besetzungszeit nach und nach in die kollektive Erinnerung Lettlands zu integrieren. Durch zahlreiche Vortragsveranstaltungen zu den Deportationen nach Riga und durch Begegnungen mit jüdischen Ghetto-Überlebenden aus Lettland und Deutschland wuchs schließlich auch die Aufmerksamkeit in Deutschland.

1991 wurde zum ersten Mal in einigen deutschen Städten ausdrücklich der nach Riga Deportierten gedacht. Das Ende 1996 in Kraft getretene deutsch-lettische Kriegsgräberabkommen ermöglichte es dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. erstmalig, sich auch um Grabstätten von Deportierten zu kümmern. Das Riga-Komitee und der Volksbund nahmen die ursprünglichen Pläne für die Errichtung einer Gedenkstätte im Wald von Bikernieki wieder auf, sodass die Bauarbeiten im Jahr 2000 beginnen konnten.

60 Jahre nach dem Beginn der Deportationen wurde die Gedenkstätte im November 2001 feierlich eingeweiht. Sie ist in Quadrate nach der Anzahl der Massengräber eingeteilt. In die Quadrate sind Platten mit den Namen von Städten eingelassen, aus denen die Deportierten stammten. Für jedes Opfer ist symbolisch ein Granitstein eingelassen. Sie stehen eng zusammen, wie die Opfer vor der Erschießung, unterscheiden sich in Größe und Form und sind in Gruppen aufgestellt.

In mehrtägigen Workcamps pflegen lettische und deutsche Jugendliche die Anlage im Wald und tragen zu ihrem Erhalt bei. Dabei setzen sich die Jugendlichen mit dem Erinnerungsort auseinander und sorgen so dafür, dass die Erinnerung und das Gedenken an die Deportationen auch in zukünftigen Generationen wachgehalten wird. Der Gedenkort ist in Quadrate nach der Anzahl der Massengräber eingeteilt. In die Quadrate sind Platten mit den Namen von Städten eingelassen, aus denen die Deportierten stammten. Für jedes Opfer ist symbolisch ein Granitstein eingelassen. Sie stehen eng zusammen, wie die Opfer vor der Erschießung, unterscheiden sich in Größe und Form und sind in Gruppen aufgestellt.

Städteliste Riga-Komitee mit Magdeburg

Die Gründungsmitglieder (23. Mai 2000) Berlin, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Kassel Köln, Leipzig, Münster, Nürnberg (mit Bamberg, Bayreuth, Coburg, Fürth, Würzburg)

Osnabrück Stuttgart (Beitrittsdatum in Klammern) Bocholt (01.03.2001) Kiel (01.03.2001) Lübeck (01.03.2001) Wien (01.03.2001) Bremen (05.11.2001) Steinfurt (04.02.2002) Warendorf (20.02.2002) Paderborn (10.03.2002) Dresden (15.05.2003) Billerbeck (06.06.2005) Vreden (14.09.2006) Coesfeld (09.11.2006) Bochum (27.01.2007) Gelsenkirchen (08.11.2007)

Magdeburg (25.02.2008)

Recklinghausen (05.03.2009) Gütersloh (09.11.2009) Haltern am See (27.01.2010) Marl (27.01.2010) Viersen (14.06.2010) Herford (17.05.2011) Moers (04.10.2011) Marburg (04.09.2012) Bünde (09.11.2012) Stadtlohn (11.12.2012) Dülmen (24.01.2014) Drensteinfurt (26.01.2014) Ahlen (26.01.2014) Werne (19.05.2014) Gescher (27.05.2014) Mainbernheim (16.07.2014) Krefeld (23.09.2014) Rheine (27.01.2015) Telgte (06.02.2015) Herten (10.06.2015) Ahaus (02.12.2015) Mönchengladbach (02.03.2018) Oberhausen (27.06.2018) Leverkusen (19.09.2018) Borken (14.10.2018) Südlohn (18.10.2018) Bottrop (27.01.2019) Wesel (05.02.2019) Heek (23.10.2019) Nottuln (14.01.2020) Lemgo (05.06.2020)

Symbolisch aufgenommen Brünn, Brno, Prag/Praha, Riga, Theresienstadt/Terezin

Autor: Frau Riep, Kulturbüro/Gesellschaftshaus, 16.11.2022 
Quelle: Homepage Stadtbibliothek und Broschüre zur Wanderausstellung