Chrysalis, 1996/2006
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Chrysalis, 1996/2006

Finlay, Ian Hamilton

Chrysalis © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

Ian Hamilton Finlay kam von Literatur zur bildenden Kunst und fast keine einzige seiner Arbeiten kommt ohne das Wort aus. Er hatte nach dem Zweiten Weltkrieg kurze Zeit als Schäfer gearbeitet, dann aber bald damit begonnen, Kurzgeschichten und Gedichte zu veröffentlichen. Die Begegnung mit den, der konkreten Poesie verpflichteten, Autoren der brasilianischen Künstlergruppe Noigrandes Ende 1962 brachte für ihn eine radikale Veränderung. Schon ein Jahr später publizierte Finlay seinen ersten Band mit konkreter Poesie. Neben der Semantik war es die visuelle Dimension der Sprache, die ihn vor allem faszinierte. Er ließ Gedichte auf Plakate, auf sandgestrahltes Glas bringen, auf Wände montieren oder skulptural gestalten und platzierte sie schließlich in der Landschaft. Hier bemerkte er, wie sich sowohl die Worte als auch die konkrete Landschaft oder darin befindliche Dinge gegenseitig beeinflussen und in ihrem Bedeutungshorizont verändern.

Auf keinem anderen Phänomen beruht die Wirkung von Finlays Objekt Chrysalis. Es handelt sich offenbar um eine originale alte Schiffsschraube aus Messing, die in einem aus veröltem Holz bestehenden Lagerungs- oder Transportbehältnis verwahrt ist. Auch die Schrauben, mit denen die Bretter auf zwei darunterliegenden, stärkeren Hölzern befestigt sind, scheinen alt, denn statt der seit Längerem schon üblichen kreuzförmigen besitzen sie noch einfache Schlitze. Der Betrachter kann sich, je nach Alter, Bildung, beruflichem Hintergrund, alles Mögliche hierzu denken. Die Verwandlung - und darin besteht eine besondere Raffinesse - findet mit einem Wort statt, das selbst für ein Momentum der Verwandlung steht, denn das englische Wort Chrysalis bezeichnet nichts anderes als die Puppe eines Falters. Wie es handschriftlich in das Brett geschrieben ist, entlarvt der Schriftzug das vermeintliche Holzgehäuse als vierfach abgeformte bzw. abgegossene Nachbildung. Ist auch die Schiffsschraube ein Fake? Spielt das eine Rolle? Es geht im Eigentlichen um Verwandlung, um Imagination. Das Wort Chrysalis verwandelt sich auf dem Behältnis einer Schiffsschraube von einem zoologischen Begriff in die Metapher einer unwägbaren, in der Vorstellung des Betrachters stattfindenden Metamorphose, der vermeintliche Holzkäfig in ein Artefakt und die Schiffsschraube bekommt Blätter, in denen man vielleicht plötzlich die Blätter einer Pflanze zu erkennen glaubt. Es ist wie eine Beschwörungsformel, die auch das Technische, das von Menschen Gemachte, auf die Maßgaben, die Vorbildhaftigkeit der Natur zurück verweisen will, als vielleicht einzige Möglichkeit, tatsächlich wieder ein Schmetterling zu werden.

Über den Künstler

Ian Hamilton Finlay (geboren 28. Oktober 1925 in Nassau, Bahamas; gesorben 27. März 2006 in Edinburgh) war ein schottischer Lyriker, Schriftsteller, Künstler und Gartenkünstler.

LEBEN

Finlay, der in Schottland zur Schule ging, wurde mit dreizehn Jahren, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, auf die Orkney-Inseln gebracht. 1942 trat er in die britische Armee ein. Kurzzeitig besuchte er die Glasgow School of Art.

Nach dem Krieg arbeitete Finlay zunächst als Schäfer, begann dann aber Kurzgeschichten und Gedichte zu schreiben. Er veröffentlichte seine ersten Bücher The Sea Bed and Other Stories 1958 und The Dancers Inherit the Party 1960. Verschiedene Werke wurden von der BBC ausgestrahlt.

1963 veröffentlichte Finlay mit Rapel seine erste Gedichtsammlung, die seinen Ruhm begründete. Die meisten seiner Arbeiten veröffentlichte er in seinem eigenen Verlag Wild Hawthorn Press. Er schrieb auch Gedichte, sogenannte One-Word-Poems auf Steine, die er wie intelligente Bildunterschriften und hintersinnige Kommentare in Landschaft und Garten einfügte.

Solche beschrifteten Steine sind auch in seinem "Little Sparta" in den Pentland Hills bei Edinburgh ausgestellt, dem Garten des Hauses in dem er seit 1966 lebte. Der Garten, mit 1,5 Hektar Fläche eher als Park oder in Anlehnung an das Dessau-Wörlitzer Gartenreich als Gartenreich zu bezeichnen, umfasst außerdem Skulpturen und Tempelbauten in neoklassizistischem Stil. Im Dezember 2004 wählten fünfzig Künstler, Galeristen und Kunstexperten Little Sparta zum größten Kunstwerk der Nation ("the nation's greatest work of art").

1985 wurde Finlay für den Turner Prize nominiert. Bei der documenta 8, 1987 in Kassel, war er mit einer viel beachteten Ausseninstallation, einer Straße aus bronzenen Guillotinen, vertreten. Ian Hamilton Finlay starb 2006 an den Folgen eines Schlaganfalls in einem Altenheim.

(Quelle: de.Wikipedia.org)