Die Schwimmerin, 1969
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Die Schwimmerin, 1969

Mucchi-Wiegmann, Jenny

Die Schwimmerin © Saskia Hubert
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© Saskia Hubert

In der Generation der im Dezennium um 1945 Geborenen ab Ende der 60er und in den 70er Jahren machten auch Frauen in der Bildhauerei der DDR durch wichtige Beiträge zunehmend auf sich aufmerksam. Wollte man eine Grand Dame für diese Gruppe junger Künstlerinnen ausfindig machen, so fiele die Wahl wohl auf die schon 1895 in Berlin geborene Jenny Mucchi-Wiegmann. Von der äußeren Biografie her ist es der Kreuzungspunkt der Ost-Berliner Kunsthochschule in Weißensee, der sie miteinander verbindet, wobei zwischen ihnen kein Lehrer-Schüler-Verhältnis bestand und wohl auch intensivere persönliche Kontakte sich nicht mehr entwickeln konnten. Künstlerisch jedoch verbindet sie - bei allen zu bemerkenden deutlichen Unterschieden - das Beharren auf der menschlichen Figur als zentralem künstlerischen Gegenstand und ein Realismus von existentieller, hoch empfindlicher, geradezu insistierender Innigkeit, der im zeitgenössischen Umkreis als einzigartig bezeichnet werden kann.

Die Schwimmerin ist das letzte, unmittelbar vor dem unerwarteten Tod der Künstlerin, in Berlin vollendete Werk. Bedauerlich, dass eine im Bestand befindliche weibliche Sitzfigur Mucchi-Wiegmanns, die ursprünglich in unmittelbarer Nähe aufgestellt war, heute nicht mehr im Außenraum zu sehen ist. Es handelte sich um eine 1965 in Reaktion auf die beginnende Intervention der USA in Nordvietnam entstandene Bronze, die den lapidaren Titel Das Jahr 65 trägt und in der nichts auf diesen Anlass hinzuweisen scheint. Sie hätte den durch den Kunsthistoriker Diether Schmidt in diesem Zusammenhang geprägten Begriff vom "Realismus der verhaltenen Nuance", der unseres Erachtens auch auf die schwer zu deutende Schwimmerin zutrifft, vielleicht etwas einsichtiger gemacht. Denn nichts an dieser Figur weist auf das herkömmliche Bild, das man sich von einer solchen Sportlerin macht. Eine schlanke, wenig muskulöse nackte Frauenfigur, die Füße leicht auseinander gestellt, die Arme, wie Flügel, etwas abgespreizt, das Kinn kaum sichtbar aber doch merklich angehoben und ein Gesichtsausdruck, den man am ehesten noch mit einem Begriff wie Verklärung in Zusammenhang bringen kann.

Der Maler Gabriele Mucchi, mit dem Jenny seit 1933 verheiratet war, fragt sich im Jahr nach dem Tod seiner Frau in einem Text, ob nicht die Schwimmerin, in der er "eine ungeheure Kraft, ja fast Gewalt, zusammen mit großer Ausdrucksfülle" entdeckt, wie andere wenige Arbeiten dieser Zeit auch, "eine Vorahnung des Todes" gewesen sei.

Über den Künstler

:1895 am 1. Dezember als Tochter des Konditors Fritz Wiegmann und Paula, geb. Voigt, in Berlin Spandau geboren.

: 1917 Studium an der Levin-Funke-Schule in Berlin bei August Kraus und Lovis Corinth.

: 1918 Studien in München.

: 1919-1923 Besuch der Kunstschule in Berlin-Charlottenburg in der Holzbildhauerklasse bei Hans Peratoner.

: 1921 Heirat mit dem Studienfreund Berthold Müller, Oerlinghausen.

: 1923-1924 Stuckarbeiten in der Marien-Kapelle in Oerlinghausen.

: 1924-1925 Aufenthalt in Rom. Arbeiten für die Missionsausstellung im Vatikan zum Heiligen Jahr 1925.

: 1926 Rückkehr nach Berlin. Ausstellung im Kunstsalon Fischer, Bielefeld.

: 1926/27 Aufenthalt in Hagen. Franziskusrelief an der Fassade der neuen Franziskanerkirche.

: 1927 Teilnahme an der Internationalen Ausstellung "Malerei und Plastik", New York.

: 1927/28 Reisen nach Spanien und Italien.

: 1927-1930 Arbeit in Berlin. Ausstellungen in der Akademie der Künste, in der --Berliner Sezession, zusammen mit Berthold Müller in den Museen Bielefeld, Kassel, Köln, Utrecht u. a.

: 1931 Arbeit in Villeneuve Les-Avignon.

: 1931-1933 Aufenthalt und Arbeit in Paris. Heirat mit Gabriele Mucchi. Übersiedlung nach Mailand. Große Figur "Mädchen in der Sonne" für die Triennale.

: ab 1934 Ständiger Aufenthalt in Mailand, stellt bei der Biennale von Venedig aus, arbeitet für die Mailänder Triennale.

: 1937 Goldmedaille auf der Weltausstellung in Paris.

: 1943-1945 aktiv im italienischen Widerstand gegen Faschismus tätig. Anerkannte Freiheitskämpferin.

: 1946 Basrelief für das Grabmal Pino, Parabiago.

: 1949 erste Reise nach Berlin nach dem Krieg.

: 1950 gehört der Gruppe der italienischen Realisten an.

: 1955/56 Unterricht für Metalltreiben in der Scuola Umanitaria, Mailand.

: ab 1956 wechselnder Aufenthalt in Mailand und Berlin.

: 1959 Denkmal der gefallenen Partisanen von Bologna.

: 1965 schafft das "Jahr 1965" und die in Kupfer getriebenen "Türen" der Verkündigungskirche in Nazareth.

: 1969 "Schwimmerin", letzte Arbeit in Berlin.

: 1969 am 2. Juli stirbt Jenny Wiegmann-Mucchi in Berlin-Buch, sie wird auf dem Friedhof Friedrichsfelde neben dem Grab von Käthe Kollwitz beigesetzt.

(Quelle: poll-berlin.de)