Laudatio für Frau Staatspräsidentin Viķe-Freiberga anlässlich der Verleihung des Kaiser-Otto-Preises Magdeburg, am 9. Mai 2007

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Laudatio für Frau Staatspräsidentin Viķe-Freiberga anlässlich der Verleihung des Kaiser-Otto-Preises Magdeburg, am 9. Mai 2007

Dr. Vaira Vike-FreibergaProf. Dr. Jochen D. Range:

Wenn ich hier der ehrenvollen Aufgabe nachkomme, eine Laudatio auf die lettische Staatspräsidentin zu halten, sollte ich wohl gleich am Anfang den Standort festlegen, von dem aus ich die Verdienste der diesjährigen Kaiser-Otto-Preisträgerin würdigen will. Es geht um Europa, dann ganz sicher auch um die Europäische Union, oder anders und einfacher gesagt: es geht um Menschen in einem definierten Raum, einem Kontinent, der gegenüber anderen Kontinenten die Besonderheit hat, dass man in eine Richtung, nach Osten, immer weiter gehen kann, ohne am Ende des Kontinentes ins Wasser zu fallen. Wir leben also auf einem besonderen Kontinent, ich brauche das hier nicht weiter auszuführen.  Es soll also um Menschen gehen, ihre Beziehung zu Europa und ihr Miteinander in Europa.

Die Kriterien, die den Umgang mit anderen Menschen bestimmen sollten, hat Johann Gottfried Herder bereits 1777 sehr eindeutig festgelegt, ich zitiere: „Die Karte der Menschheit ist an Völkerkunde ungemein erweitert; wie viel mehr Völker kennen  wir als Griechen und Römer. Wie kennen wir sie aber? Von Außen durch Fratzenkupferstiche und fremde Nachrichten, die den Kupferstichen gleichen, oder von Innen? Durch ihre eigene Seele? Aus Empfindung, Rede und That? – So sollte es sein und ists wenig“ [1777:54]. Wenn ich nun meinen Standort von Magdeburg nach „Innen“, d.h. nach Lettland verlege, muss ein für das ganze lettische Volk, auch für die Staatspräsidentin, wichtiges Faktum genannt werden. In der ganzen Geschichte der Letten gab es bis heute nur 39 Jahre lang Selbstbestimmung, einen eigenen lettischen Staat! Dieses Faktum ist in Diskussionen mit und über Lettland zu beachten! Über die Geschicke der Menschen dort haben Jahrhunderte lang  Deutsche, Schweden und Russen entschieden.
Der große lettische Dichter, Dramatiker und Journalist Jānis Rainis (1865-1929) schrieb 1909-1910 aus seinem Schweizer Exil ein bewegendes Gedicht – Tautas nāve, aus  dem ich die ersten 4 Verse in der Übersetzung von Walter Neumann [1990] zitieren will:

Der Tod des Volkes
Ja, unser Volk, es stirbt, - wir wissen´s wohl;
Schon in die Wiege ward uns dieses Wort gelegt,
Es klingt durch unser Leben bang und hohl,
Ein Rätsel, das die Seele heimlich hegt.

Doch mag mich auch ein andres Wort verlocken:
Ihr großen Völker, sterbt ihr nicht wie  wir?
Auch euch, so hört man, läuten Friedhofsglocken:
Am Ende rafft der Tod die Völker fort von hier,
Damit sie auferstehn, der Menschlichkeit zur Zier.

*

Ihr sprecht: „Das steht noch längst nicht fest,
Wir großen Völker werden erst die kleinen fressen,
Danach kann warten auf die Menschlichkeit der Rest,
Während wir Großen uns mit unsern Schwertern messen!“
[…]

Die Angst, als Volk unterzugehen, ausgelöscht zu werden von der Landkarte Europas, war im 20. Jahrhundert besonders stark, wenn auch zunächst 1918 die Republik Lettland ausgerufen wurde, die sich in den folgenden 22 Jahren zu einem angesehenen Staat in Europa entwickelte. Doch dann die Katastrophe: Hitler-Stalin / Ribbentrop-Molotov Pakt, der erzwungene Eintritt Lettlands in die Sowjetunion, Deportationen, Krieg und 1945 die sowjetische Okkupation. Was konnten die Letten dem entgegenstellen? Zu allererst eine tiefe, Leben spendende Liebe zur Heimat, zu Sprache und Brauchtum. Dies hatte ja auch die Letten über die Jahrhunderte der Fremdherrschaft ihre Identität nicht verlieren lassen.

Dann der Zusammenbruch der Sowjetunion, 1990/1991 Freiheit und Souveränität auch für Lettland, und schließlich der Eintritt in die NATO und in die Europäische Union. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte können die Bewohner Lettlands in größtmöglicher Sicherheit, selbst bestimmend in die Zukunft sehen. Ein wirklich historischer Moment.

Es mag wie ein Paradoxon erscheinen, dass ich von der Staatspräsidentin als einer herausragenden europäischen Persönlichkeit sprechen will, obwohl sie fast 50 Jahre lang gar nicht in Europa lebte. Als Siebenjährige im Winter 1944/45 der schwere Weg in das Exil, zunächst über Wismar nach Lübeck. Was hatte die Familie im Gepäck? Viel dürfte es nicht gewesen sein! Ganz sicher aber befanden sich darin, die drei Dinge, die schon über die Jahrhunderte die Letten haben überleben lassen. Heimatliebe und Freiheitswille, und als Band, das die Letten, sei es zu Hause oder im Exil, auf das Engste zusammenhielt, das Volkslied. Viel später, bereits als Professorin an der Universität Montreal schrieb Viķe-Freiberga 1975 im Journal of Baltic Studies: Es muss bemerkt werden, dass für den Letten die Dainas mehr bedeuten, als nur eine literarische Tradition. Sie sind für ihn die Verkörperung des von Vorvätern überlieferten kulturellen Erbes, denen die Geschichte greifbarere Ausdrucksformen verweigerte. Diese Lieder bilden die Grundlage der lettischen Identität und Singen wird zu einer identifizierbaren Eigenschaft eines Letten.“ 

Viķe-Freiberga nimmt hier bewusst oder unbewusst eine Feststellung Johann Gottfried Herders auf, der nach seinem Aufenthalt in Riga 1765-1769, der ihn ganz entscheidend zur Sammlung und der Herausgabe alter Volkslieder, in der posthumen zweiten Auflage Stimmen der Völker genannt, angeregt hat, 1777 schrieb: „Alle unpolizierten Völker singen und handeln; was sie handeln, singen sie und singen Abhandlung. Ihre Gesänge sind das Archiv des Volks, der Schatz ihrer Wissenschaft und Religion, ihre Theogonie und Kosmogenien, der Thaten ihrer Väter und der Begebenheiten ihrer Geschichte, Abdruck ihres Herzens, Bild ihres häuslichen Lebens in Freude und Leid, beim Brautbett und Grabe.“

Weder Herder noch 200 Jahre später Frau Professor Viķe-Freiberga konnten ahnen, dass das lettische Volk selbst Zeugnis für die Richtigkeit beider Aussagen geben würde. Ich meine die „Singende Revolution“, die zur Wiedergewinnung der Souveränität geführt hat. Der Begriff „Singende Revolution“ ist außerhalb Lettlands häufig gedankenlos und ohne tieferes Verständnis gebraucht worden. Natürlich kann man mit Gesängen, mit Volksliedern keine Panzer besiegen und keine Diktatur abschütteln. Das Wunder der entscheidenden Tage und Wochen vor der erneuten Selbstständigkeit war, dass sich ein seiner gerechten Sache sicher seiendes Volk gewaltlos den Sowjets gegenüber stellte. Die lettischen Dainas verbanden die Menschen im Bewusstsein ihrer traditionellen moralischen Werte, ihrem Verständnis von Menschenwürde und Menschenrechten. Die lettischen Volkslieder sollten dann später noch eine besondere Rolle im Leben der Professorin Viķe-Freiberga spielen.

Nächste Lebensstationen nach Lübeck war zunächst Marokko, wo Vaira Viķe das französische Gymnasium besuchte, dann 1954 Kanada. Hier das Studium der Psychologie, dem sich eine großartige akademische Laufbahn an der Universität Montreal anschloss. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Präzision, ausgefeilte Methodik und stringente Argumentation aus. Ich will hier nur die Erforschung und Edition der lettischen Sonnenlieder erwähnen, für die Professor Viķe-Freiberga zusammen mit ihrem Mann, dem Informatikprofessor, ein einmaliges computergestütztes Instrumentarium entwickelte, das völlig neue Möglichkeiten der Erforschung der Dainas bot. Mit dieser Arbeit wurde ein unschätzbarer Beitrag zur europäischen Kultur geleistet.
Wenn man den Schatz und die Bedeutung der lettischen Volkslieder sieht, wird einem erst klar, wie viel wir in Deutschland auf diesem Gebiet bereits verloren haben. Professor Viķe-Freiberga hat auf den verschiedensten Gebieten wissenschaftlich mit größtem Erfolg gearbeitet, und sie hat ein Bild eines modernen Wissenschaftlers gelebt, das inzwischen und besonders in der Zukunft auch an deutschen Universitäten mehr und mehr eingefordert werden wird, die Verbindung auch der Geisteswissenschaft mit Politik und Gesellschaft. Professor Viķe-Freiberga war in der Gemeinschaft der emigrierten Letten sowie in der kanadischen Gesellschaft in hohen und höchsten Positionen tätig, ihre Leistungen sind vielfach mit höchsten akademischen und gesellschaftlichen Auszeichnungen gewürdigt worden.

Ich meine sagen zu dürfen, die festen Wurzeln in der lettischen Kultur gaben ihr die Fähigkeit in besonderer Weise weltoffen und weit über Lettland hinaus weltinteressiert zu sein, die vielen Sprachen, die sie beherrscht, ermöglichen es ihr, die Weltkulturen tiefer zu verstehen. Wir erleben heute bedeutende Migrationsbewegungen gerade auch innerhalb der Europäischen Union, vorwiegend aus beruflichen Gründen. Viķe-Freiberga hat gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, sich auch im Ausland seine Identität zu bewahren. Der „heimatlose“ Weltenbürger kann nicht das Ideal sein. Im Gegenteil, eingebettet in die Heimatkultur eröffnet sich die Möglichkeit andere Kulturen mit offenen Augen zu erfahren, Berührungsängste stellen sich gar nicht erst ein, kreative Kommunikation wird möglich, eine wechselseitige Bereicherung der eigenen Lebenswelt ist der Gewinn.

Die wissenschaftliche Tätigkeit hat es Viķe-Freiberga frühzeitig ermöglicht, ihr Heimatland, damals noch Sowjetlettland,  zu besuchen. Erstmals 1969, dann folgten immer häufiger auch offizielle Besuche. 1998 kehrte die Familie endgültig nach Lettland zurück. Prof. Viķe-Freiberga wurde Direktorin des „Lettischen Instituts“ in ihrer Geburtsstadt Riga. Nicht für lange!

Am 17. Juni 1999 wurde Vaira Viķe-Freiberga zur Präsidentin der Republik Lettland gewählt. Die Anerkennung und nicht geringe Zuneigung der Letten zu ihrer Staatspräsidentin fand Ausdruck in der Wiederwahl in das Präsidentenamt 2003. In einem der wichtigsten Momente in der Geschichte der Letten steuert die Präsidentin mit großem Können und ruhiger Hand das lettische Staatsschiff. In kurzer Zeit hat sie sich ein hohes Ansehen in Europa und weltweit erworben. Die Presse hat Sie, Exzellenz, eine europäische „Power-Frau“ und „Eiserne Lady“ genannt, was Sie wohl eher amüsiert haben wird. Der Erfolg der Präsidentin liegt in ihrer großen Arbeitsdisziplin, dem sicher auch aus der wissenschaftlichen Tätigkeit erworbenen eigenständigen Denken und Handeln, der Weltoffenheit und dem konsequenten Maßstab allen Handels, dem Menschen. Ich darf zwei Beispiele für das eigenständige Handeln der Präsidentin hier erwähnen. Nachdem sich für viele Staaten die Möglichkeit eröffnet hatte, Mitglieder der Europäischen Union zu werden, gab es eine bedeutende Reisetätigkeit von Politikern von Ost nach West. Alle wollten sie einen Vortrag halten mit dem Titel „… der Weg nach Europa“: Litauens Weg nach Europa, Tschechiens Weg nach Europa, Polens Weg nach Europa und so weiter und so fort. Das hat im Westen gefallen, war sicher auch opportun, entsprach nur nicht den Gegebenheiten, was diese Staatsmänner durchaus wussten.  Die lettische Staatspräsidentin ist ihren eigenen Weg gegangen. Im Jahre 2000 hielt sie in London einen viel beachteten Vortrag „Latvia`s Place in a New Europe“. Lettland lag schon immer in Europa, Lettland war schon immer Europa, und nun wird es seinen Platz im „neuen Europa“ einnehmen.
Es spricht weiter von hoher staatsmännischer Souveränität, wenn die Staatspräsidentin an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestages des Kriegsendes in Moskau teilgenommen hat, obwohl das Kriegsende für Lettland nicht die Befreiung vom Faschismus, sondern der Beginn einer entsetzlichen Tyrannei war.

Die hohe Anerkennung der Präsidentin hat auch entscheidend dazu beigetragen, dass in Lettland vor und nach dem Eintritt in die Europäische Union die notwendigen Transformationsprozesse sehr schnell in Gang gesetzt und effektiv durchgeführt wurden. Und die Präsidentin wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass die Europäische Union kein Selbstzweck ist, sondern dass es um das Wohlergehen ihrer Bürger geht. Sie sind der Maßstab europäischen Handelns. Innerhalb der EU hat sie auf Grund ihrer Persönlichkeit – Zeitungszitat: „In vertrauter Runde spreche ich mit Putin Deutsch“ – und der demographischen und geopolitischen Lage Lettland – 32,3% der Bewohner Lettlands sind Russen – eine besondere Mittlerfunktion gerade zu Russland eingenommen. Sie hat Vertrauen geschaffen, wir erinnern uns, dass dies auch das Anliegen von Kaiser Otto war. 

Heute wird hier in Magdeburg eine beispielhafte und beispielgebende Europäerin geehrt. Frau Staatspräsidentin ich gratuliere Ihnen zur Verleihung des Kaiser-Otto Preises 2007. Dem Kuratorium und seinem Vorsitzenden, Herrn Oberbürgermeister Dr. Trümper, möchte ich sagen, sie hätten keine bessere Entscheidung treffen können.

 


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